Festrede Bachelorabschluss Komparatistik Ibk 2017

Meine Festrede vom 28. Juni 2017 zum ersten offiziellen Bachelor-Abschlussfest der Vergleichenden Literaturwissenschaft Innsbruck.
Vielen Dank an Frau Dr. Brigitte Rath für die Einladung und es freut mich sehr, dass die Rede in Kürze auch auf der Homepage meines ehemaligen Instituts erscheinen wird.
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Lieber Dekan, liebe ProfessorInnen, liebe Studierende und AbsolventInnen,
liebe Damen und Herren,

Ich möchte meine kleine Rede mit einem persönlichen Rückblick beginnen:
Als ich im Jahr 2007 mein Studium an diesem Institut begann, waren wir nur knapp über 30 Erstsemestrige. Erst zuvor waren Studierende und Institutsmitglieder – zum Glück erfolgreich – auf die Straße gegangen, um gegen eine geplante Schließung des Instituts zu demonstrieren. Wie auch zahlreiche meiner Kommilitonen, hatte auch ich anfangs das stolze Gefühl, nun Teil jener geheimnisumwobenen Bildungsinstitution “Universität” zu sein, vor der uns bereits seit früher Jugend großer Respekt gelehrt wurde. Von nun an würden wir durch harte Arbeit rasch und beständig weiser werden, und uns vor allem nur noch mit klugen und vernünftigen Dingen beschäftigen. Aus dieser Erwartungshaltung wurde – zumindest ich – recht schnell ernüchtert, da ich anfangs grundsätzlich nur sehr wenig von den Inhalten verstand, mit denen ich in diversen Kursen konfrontiert wurde. Oft saßen wir gemeinsam mit Studierenden aus dem siebten oder achten Semester im selben Kurs und beteten still und leise vor uns hin, dass wir ja nicht zu unserer persönlichen Einschätzung oder “fachlichen Meinung” zum aktuell Besprochenen Thema befragt wurden. Ich kann mich noch an einen Kurs im zweiten Semester erinnern, in dem ich immer abzählte, in wie vielen Absätzen ich mit Vorlesen an der Reihe sein würde und versuchte mir bereits 10 Minuten im Vorhinein eine möglichst kluge Frage samt vernünftiger Antwort für ebenjenen Absatz zu überlegen – meistens mit mäßigem Erfolg. Im Nachhinein vermisse ich jedoch gerade diese bunt zusammengewürfelten Kurse am meisten, da sie für viele von uns, die am Anfang ihres Studiums standen, die meisten Aha-Erlebnisse zu bieten hatten.

Zusätzlich fiel mir auch rasch auf, dass auf der Komparatistik durchaus noch etwas vom „freien Geist der Universität“ umzugehen schien. Nur selten traf ich in meinen Wahlfächern auf anderen Instituten auf ebenjenes Gefühl, gemeinsam an einem Gedanken zu arbeiteten oder dass man einfach versuchte ein gleichberechtigtes, niveauvolles Gespräch zu führen.

Nach der Umstellung vom Diplomstudium auf das Bachelor- und Mastersystem sind diese Situationen wahrscheinlich etwas weniger geworden, trotzdem gehe ich davon aus, dass gewisse Fragen immer noch dieselben geblieben sind. Einerseits die skeptischen Einwürfe von Freunden und Familie, wie: “Und was kannst du anschließend damit machen” sowie andererseits das obligatorische “und was genau vergleicht ihr da dann eigentlich miteinander?”. Fairerweise möchte ich sagen, dass man sich die Erstere dieser beiden Fragen wohl auch immer wieder selbst gestellt hat. Wohin würde uns die Reise nach dem Komparatistik-Studium wohl verschlagen? In den Literaturbetrieb? Ins Theater? Zum Film? Oder sollte man doch an der Bildungseinrichtung bleiben und selbst versuchen akademisch Fuß zu fassen? Im schlimmsten Fall sogar daran denken sich als JournalistIn zu versuchen? Die Frage, was man damit machen könnte, schien irgendwo doch berechtigt zu sein. Nach einigen intensiven Jahren im Innsbrucker Kulturbetrieb kann ich allerdings darauf antworten: “Was man mit so einem Studium machen kann? Wirklich ziemlich viel”. Je mehr ich mich beruflich in Innsbruck betätigt habe, desto mehr Menschen traf ich, die mir auch schon in der einen oder anderen Komparatistik-Lehrveranstaltung über den Weg gelaufen sind. Sei es in Einrichtungen wie dem Leokino samt dem IFFI, dem Freien Theater, der Bäckerei, bei FREIrad, dem Volkskunstmuseum, bei der TT oder anderen mehr: irgendwie stieß ich immer wieder auf Menschen, die diesem Studium nahe standen oder es auch abgeschlossen hatten.

Diese Tatsache hatte wohl besonders mit den Aspekten des Studiums zu tun, welche es uns NICHT bot. Ein ganz klar ausformuliertes Berufsbild; eine streng geregelte Fachausbildung; oder ein fertiges Bild unserer eigenen Ansichten und Weltanschauungen. Wiederholt wurde mir klar, dass meine Kommilitonen und ich wohl nicht auf dem Weg waren, jener FacharbeiterInnen zu werden, auf die Wirtschaft und Industrie händeringend gewartet hatten. Vielmehr merkte ich, dass unser Weg wohl noch ziemlich flexibel und unbestimmt war. Es lag an uns, unsere persönlichen Interessen herauszufinden und das Gelernte in den jeweiligen Bereichen anzuwenden. Somit landete ich über kurze Ausflüge in den Kulturjournalismus schließlich im Kultur- und Veranstaltungsbetrieb.

Anfangs wusste auch ich noch nicht, inwiefern mir Überlegungen zu ästhetischen Konzepten, intermediale Betrachtungsweisen oder einige Laufmeter an gelesener Theorie die Butter aufs Brot verdienen konnten. Langsam aber stetig wurde mir aber auch klar, worin ich plötzlich überraschend gut geworden war: Die Welt und ihre Inhalte immer wieder neu lesen zu lernen, mir sehr unterschiedliche Inhalte relativ schnell anzueignen, oder zeit- und grenzüberschreitende Phänomene und Ideen miteinander so für mich in Verbindung zu setzen, damit ich für mich neues und nützliches Wissen generieren konnte.
Wiederholt wurde ich in meiner Arbeit mit Fragen konfrontiert wie „Was bedeutet das Eigene?“ „Was bedeutet das Fremde?“; „Was ist die Gesellschaft?“; „Wie könnte man sich dem vorliegenden Thema mit Hilfe verschiedener Medien oder Künste annähern?“; „Inwiefern hängen Geschlechterdifferenzen und gesellschaftliche Konstrukte mit der vorliegenden Situation zusammen und wo wäre es wichtig noch genauer hinzusehen – und aus welchen Gründen?“.
Ich bin mir sicher, dass AbsolventInnen der Vergleichenden Literaturwissenschaft bestens darauf vorbereitet werden, auf Fragen wie diese, eigenständig profunde Lösungsansätze zu finden.

Oder, sollten sie nicht dazu in der Lage sein, die passenden Antworten zu finden, so würden sie ihre zukünftigen ArbeitskollegInnen zumindest mit noch immer weiterführenden Fragen in den Wahnsinn treiben können.

Was möchte ich den frischgebackenen AbsolventInnen nun mit auf den Weg geben?
Die offizielle Version lautet wohl:
Bleibt neugierig, bleibt unbequem, stellt Fragen zu aktuellen Zuständen und Phänomenen. Zeigt Alternativen auf und stellt Querverbindungen her.
Gründet neue Projekte und Initiativen – am besten mit Menschen, mit denen ihr zuvor noch nicht zusammengearbeitet habt. Gerade Innsbruck ist ein wunderbarer Nährboden für Neues, das in der Regel auch relativ gut angenommen wird. Fragt um Hilfe, wenn ihr welche benötigt und nehmt Hilfe an, wenn sie euch angeboten wird.
Am wichtigsten ist allerdings wahrscheinlich: Findet heraus wo eure Leidenschaften liegen und verliert sie nicht aus den Augen.

Fairheitshalber möchte ich allerdings inoffiziell auch noch hinzufügen:
Geht in die richtigen Bars und auf die richtigen Veranstaltungen – und geht lieber nicht zu früh von einem vielversprechend aussehenden Umtrunk nach Hause; ernstzunehmende Kulturpolitik wird dort oft erst nach 02:00 Uhr morgens gemacht. Haltet zumindest ein paar Verbindungen zu Kommilitonen aufrecht, irgendwann trefft ihr euch wahrscheinlich am nächsten Kulturstammtisch und seid froh, wenn ihr dort zumindest eine Person kennt.

An dieser Stelle möchte ich auch noch meinen Freund und Komparatisten Christoph Stoll zitieren:
Wie verabschieden sich JuristInnen und BetriebswirtInnen von einander?
Ich wünsche dir fette Deals und viel Kohle!
Und wie verabschieden sich KomparatistInnen von einander?
Viel Glück!

Heute wünsche ich allen Absolventen und Absolventinnen nur das Beste und gratuliere euch zu eurem Studienerfolg. Ebenso hoffe ich inständig, dass das Institut der Vergleichenden Literaturwissenschaft der Stadt Innsbruck noch lange erhalten bleiben und eine große Menge an engagierten jungen Menschen hervorbringen wird.

Vielen Dank!

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