Gedanken zum Thema „Bogenmeile“ in Innsbruck

Am Sonntag, 01.04.18 erschien in der Tiroler Tageszeitung ein weiterer Artikel über die Situation in der Innsbrucker „Bogenmeile“ – der bekanntesten Nachtlebens- und Ausgehmeile Tirols mit zahlreichen unterschiedlichen Lokalen und anderen Läden. Dieser ist der dritte einer aktuell dreiteiligen Serie, die einiges an Resonanz erzeugte und hier nachgelesen werden kann (ARTIKEL 2 28.03.18) (ARTIKEL 1 09.03.18). Kurz darauf wurde auch eine Online-Petition der Grünen in Innsbruck gestartet, um die Bogenmeile als Ausgeh-Mittelpunkt für Innsbrucks junge Menschen zu erhalten (KLICK); im zweiten dieser besagten TT-Artikel wurde auch ich einmal kurz zur aktuellen Situation befragt (siehe unten).

Was gibt es nun dazu von meiner Seite aus zu sagen und denken?

Erstmals: Die Überschriften der Artikel sprechen eine klare Sprache und scheinen in dieser Reihenfolge auch auf eine gewisse Art und Weise schlüssig zu sein:
1. Ärger um „Zustände bei Bogenmeile“ in Innsbruck
2. „Nachtgastronomie in den Bögen ist nicht erwünscht“
3. Bekannteste Ausgehmeile Tirols steht vor dem Aus

Die Kurzversion dieser Geschichte wäre wohl: Die Lokale in den Bögen müssen schließen, weil es dort zu gefährlich geworden ist und sich zu viele Leute darüber beschwert haben.
So einfach ist es – wie immer – nicht, da hier weder das Innsbrucker Nachtleben auf der einen Seite, noch sämtliche Mietverhältnisse auf der anderen Seite, „vor dem Aus“ stehen. Die aktuelle Stimmung, die momentan vor allem auf Social Media herrscht, scheint dies aber so zu deuten – auch die vorab gestellten Fragen einzelner JournalistInnen waren vielleicht unbewusst in diese Richtung gedreht, um die Geschichte etwas lebendiger wirken zu lassen.

Selbstverständlich sind dies nicht die ersten Artikel ihrer Art; seit dem „Bestehen“ der Lokalmeile gibt es Beschwerden von Menschen die in der Nähe wohnen, die die Lokale besuchen, die die Lokale betreiben, die von den Lokalen in der Zeitung gelesen haben und nun ihre Kinder nicht mehr in die Landeshauptstadt ziehen lassen wollen, aus der Politik, aus dem Sicherheitswesen und vielen anderen mehr.

Zusätzlich ist klar: „Die“ Bogenmeile an sich gibt es nicht. Es gibt in den Viaduktbögen eine Reihe alteingesessener Lokale/Kneipen/Bars, die ihr unterschiedliches Stammpublikum etabliert haben und laufend auch neues Publikum anziehen. Es gibt Clubs, die in einer anderen Zeit einmal Tanzlokale oder Discos geheißen haben und in denen bis in die frühen Morgenstunden getanzt wird. Es gibt Veranstaltungslokale, in denen unterschiedliche Menschen Dinge stattfinden lassen können (wie es z.B. die pmk mit Konzerten oder das Bogentheater mit Theaterproduktionen macht). Und dazwischen gibt es noch vieles mehr an Geschäften, Proberäumen, sozialen Institutionen und mehr – die aufzuzählen allerdings keinen Sinn ergibt, da niemand von diesen als ProblemverursacherInnen sprechen würde.

Die erzählte Geschichte ist: Dort wo die ganze Nacht für hunderte von Leuten Rambazamba geboten wird und gesoffen wird – dort gibts Probleme. No na.

Als jemand der in der Bogenmeile lebt (und ich meine „leben“ im Sinne von sowohl „wohnen“ als auch „arbeiten“), muss auch ich sagen: Zusätzlich zu dem ganzen schönen und bunten Treiben – zu einem toll laufenden Austausch und viel Spaß für viele verschiedene Szenen und NachtschwärmerInnen, gibt es auch Einiges in den Viaduktbögen das wirklich nicht gut ist. Es gibt die klassischen Diebstähle, Belästigungen und Körperverletzungen, die große Mengen an betrunken Menschen mit unterschiedlichen Interessen (feiern; austauschen; Streit suchen; Freizeit genießen; dealen; klauen) mit sich bringen. Das sollte auch nicht verharmlost werden. Aus diesem Grund begrüße ich beispielsweise auch die Errichtung der helleren Lichtanlage, da mit einer größerer Sichtbarkeit auch ein subjektiv etwas sicherer Ort entsteht. Zusätzlich wurde die Überwachung in den Bögen ja offenbar ausgebaut (Kameras), allerdings die unmittelbare Sichtbarkeit von Autoritätspersonen (z.B. durch vermehrte Streifen) meiner Wahrnehmung nicht wirklich versucht.
Ich selbst bin bekanntlich kein großer Freund aufgedrückter Überwachungsstrategien – möchte allerdings für alle BesucherInnen und in den Bögen aktiven Menschen ein möglichst angenehmes und sicheres Umfeld gewährleistet haben.

Inwiefern man dies „gewährleisten“ also „sicher stellen“ kann, sei dahingestellt; doch momentan wäre klarerweise die vernünftigste Strategie, wieder einmal einen runden Tisch (das gab auch schon vor längerer Zeit einmal) mit LokalbetreiberInnen, Stadtpolitik und Behörden zu organisieren und gemeinsam an der Situation zu arbeiten: Wie kann man gemeinsam versuchen die allgemeine Situation zu verbessern; vor allem das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen, die sich in der Gegend/in/vor Lokalen aufhalten? Gibt es Ansätze und Strategien, die man schon gemeinsam in den einzelnen Bars/Clubs umsetzen kann? Vor allem im Hinblick auf die Sicherheit des weiblichen Publikums; sprich um Übergriffen/Belästigungen vorzugreifen? Gibt es Möglichkeiten die Diebstahls- und Dealersituation in den Griff zu bekommen?
Fragen und Themen gibt es genug, die auch genügend andere Städte und Ausgeh-Hotspots angehen müssen und das auch tun. Und wie man sieht, klappt es auch in bedeutend größeren Städten mal besser und mal weniger gut. Perfekt wird es sicher nicht werden – aber mit gemeinsamen Strategien kann man sicher schon Einiges verbessern. Und nochmals: Es ist bei weitem nicht alles schlecht in dieser Gegend. Nein, es herrschen keine Zustände wie in Detroit; es werden keine Menschen regelmäßig mit Mord und Totschlag konfrontiert; der größte Teil in den Bögen ist immer noch das worum es eigentlich gehen sollte – Spaß / Freizeit / Austausch / Party. Die Bogenmeile beherbergt Innsbrucks Nischen und Schlupflöcher für Eskapismus, Subversion und Gegenrealitäten – aber es gibt durchaus Probleme, die man angehen muss und soll.

In einer Stadt mit 30.000 Studierenden wird sich ein einfaches „abschaffen“ von Lokalen auch nicht umsetzen lassen; da ansonsten auch ein großer Teil der Attraktivität einer jungen Stadt abhanden geht. Außerdem würde es einfach nur zu einer Verlagerung der Lokale an die Peripherie oder an andere Orte der Stadt führen und dann geht es eben dort von Neuem los. Und nicht zuletzt lassen sich viele der bestehenden Mietverhältnisse ganz schlicht nicht einfach von heute auf morgen kündigen; da sie manchen Fällen unbefristet, im anderen Fällen sogar nicht einmal über die ÖBB selbst sondern über verschiedene Untermieter laufen. Die Lokalszene besteht hier seit Jahrzehnten und in dieser Zeit haben sich viele Situationen über diverse Verträge mal so und mal anders ergeben. Einfach mit dem Hammer draufhauen ist also nicht einmal rechtlich möglich.

Deshalb wird es wohl das Beste sein, die Situation ernst zu nehmen, sie allerdings in vernünftigen und umsetzbaren Schritten anzugehen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Die von den Grünen gestartete Petition geht auch in diese Richtung, weshalb ich mich freue, dass auch eine lokale politische Fraktion eine gemeinsame Lösung vorschlägt, anstatt pauschal von Wegweisungen oder Verboten zu sprechen. Ohne die Bogenmeile wäre Innsbruck nicht einmal mehr das größte Dorf Tirols.

boegen_ibk_tt

Und in Artikel Nr. 2 durfte ich auch mal kurz zu Wort kommentt_statement_boegen

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