Mann ohne Gesicht (2011)

Für KOMPlex 2011

Ein Märchen.

Es war einmal ein Mann, der hatte kein Gesicht. Die anderen Dorfbewohner mieden ihn, ihren Kindern verboten sie in der Nähe seines Hauses zu spielen. An den gesellschaftlichen Anlässen im Ort nahm er nicht teil, auch lud ihn keiner der Dorfbewohner zu Festen und Hochzeiten ein. Als er noch ein Kind gewesen war, spielte er mit seinem Schatten, vorbei kriechenden Tieren, und zeichnete mit seinen Fingern Kreise in den Staub. Mit sechs Jahren versuchten seine Eltern ihn auf die örtliche Schule zu schicken, doch dort fürchteten sich die anderen Kinder vor ihm und er saß stets alleine an einem kleinen Holztisch in der letzten Reihe. Der Einzige der sich nicht vor ihm fürchtete war der örtliche Dorfschullehrer. Wenn er dem Jungen eine Frage stellte und dieser darauf keine Antwort gab, was er nie tat, schlug er ihn mit seinem Rohrstock über die Finger und sperrte ihn in den Schulkeller. Weil sich auch nach einigen Wochen kein Schulerfolg beim dem Jungen einzustellen schien, wurde er der Schule verwiesen und verbrachte seine Tage hinter den Lagern des Schrottplatzes.

Zu seinem neunten Geburtstag bekam er ein Fahrrad geschenkt, auf dem er von nun an täglich zum See fuhr um auf den Baumstümpfen nahe des Wassers sitzend, die Beine baumeln zu lassen und mit seinen Zehen Kreise in die Wasseroberfläche zu tippen. Als die Jahre vergingen, der Junge zu einem Mann heranwuchs und er schließlich, zuerst die eine und dann den anderen Teil seiner Elternteile zu Grabe tragen musste, verließ er das Haus nur noch selten. Da er jedoch eines der größten Häuser des Dorfes bewohnte und die anderen Dorfbewohner ihn um seinen Besitz beneideten, ließ die Gemeinde das Haus per Abstimmung enteignen. Doch der Mann ohne Gesicht weigerte sich sein Elternhaus aufzugeben. Von nun an verließ er das Haus überhaupt nicht mehr und er verbrachte die Jahre alleine in seinem alten Wohnzimmer, sitzend im tiefen grünen Ohrensessel. Nur Abends zog er gelegentlich die Vorhänge bei gelöschtem Licht leicht zur Seite und konnte die Lichter sehen die die Dorfbewohner in seinem Garten bei Dunkelheit anzündeten.

Als er eines Nachts durch einen lauten Lärm in der Küche geweckt wurde, schreckte er aus dem Ohrensessel hoch und fand sich von einem Mob vermummter Gestalten umringt. Die Gestalten schrieen in erregten, hohen Stimmen wirr durcheinander und der Mann ohne Gesicht vermochte nur Fetzen davon zu verstehen. Eine der Gestalten schlug ihn plötzlich überraschend mit einem Holzprügel harsch gegen die Kehle, worauf er stürzte und zusammenbrach. Blutspuckend blieb er auf dem Boden liegen und hörte im Hintergrund lautes Rufen, das draußen immer lauter wurden. Die vermummten Gestalten schleppten ihn vor die Türe und weit hinaus über die Grenze des Dorfes. Dort hatten sie aus Ziegeln einen kleinen Verschlag errichtet, einen engen Bunker aus Beton. Dort stießen sie den Mann ohne Gesicht hinein. Als er sich aufrichtete und seinen Kopf hob, konnte er sehen, dass der Verschlag von innen mit Spiegeln ausgekleidet war. Er drehte seinen Blick noch etwas weiter nach oben und versuchte in einem der Spiegel seinen Blick zu treffen, doch blickte er dabei immer nur ins Leere. Den schmalen Eingang des Verschlages hatten die Dorfbewohner inzwischen hastig zugemauert, so dass es im Inneren nun dunkel war. Draußen tobte und johlte die Menge unter Freudenrufen.

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