Die Ermordung des Vogeldiebes Martin F. Eine Nachdichtung. (2012)

Im Deutschen Ort R trug es sich im Jahr 1823 zu, dass ein Mensch namens Fuchs am ersten Sonnabend des Aprils von seinem Herrn ermordet wurde. Besagter Mensch war als Knecht auf dem Anwesen der Familie Reutersbach angestellt und hatte es sich zu Schulden kommen lassen, ein Tier aus dem Besitz des Hauses gestohlen zu haben. Trotz seiner beharrlichen Versuche den Herrn von seiner Unschuld zu überzeugen, wurde er in Anbetracht seiner zuvorbegangenen Vergehen dazu verurteilt, auf dem Markplatz von R öffentlich hingerichtet zu werden. Bisher war F nur durch kleinere Einträge in sein Strafregister aufgefallen. Einmal hatte er bei der Pflaumenernte eine Handvoll Früchte in seiner Manteltasche verschwinden lassen, ein anderes Mal war er dabei ertappt worden ein altes Buch aus der Privatbibliothek der Reutersbacher genommen und darin geblättert zu haben. Dies waren Dinge für die zu seiner Bestrafung jeweils lediglich für eine Woche der Lohn halbiert und die Nachtruhe um eine Stunde gekürzt wurde. Maßnamen dieser Art wogen für die ärmere, arbeitende Schicht der Bevölkerung, zu der auch die Familie von F gehörte, zwar schwer, hieß dies doch eine Zeit lang noch hungriger zu Bett gehen zu müssen als gewöhnlich und der täglich lang ersehnten Flucht in den Schlaf für eine Stunde früher Lebewohl sagen zu müssen. Wurde eine Strafe dieser Art über einen der Dorfgemeinschaft verhängt, so half man sich gegenseitig aus, schnallte die Gürtel gemeinsam für ein paar Tage etwas enger und teilte mit seinen Nachbarn was zu teilen eben da war. Es war ein hartes doch aufrichtiges Leben das der Großteil der Bewohner von R fristete. Die Gemeinschaft untereinander war dadurch jedoch umso enger und freundschaftlicher. Niemals hätte man eines der Nachbarskinder sich aus Eigensinn hungrig in den Schlaf weinen lassen und auch wäre es niemandem eingefallen einem Anderen die kargen Vorräte oder das letzte Ersparte zu plündern.

Als F an diesem kalten Apriltag von seinem Herrn angeklagt wurde eines seiner Tiere gestohlen zu haben, war deshalb das ganze Dorf auf den Beinen und allerorts herrschte große Aufruhr. Martin F, der Jüngste einer fünfköpfigen Familie die seit Generationen in R ansässig war, war als besonders pflichtbewusster und friedliebender Mensch bekannt, der keiner Fliege etwas zuleide tat. Überhaupt war die gesamte Familie F im Ort beliebt. Nie stand man bei ihnen vor verschlossenen Türen wenn man einmal eine helfende Hand brauchen konnte und war nach einem harten, langen Tag in einem befreundeten Haushalt immer noch eine größere Arbeit zu erledigen, waren die Fs stets zur Stelle. Die Familie bestand aus Vater, Mutter, einer Tochter und zwei Söhnen. Martin war bereits in jungen Jahren in den Dienst der Familie Reutersbach gekommen. Arbeit war in jenen Tagen knapp und die Reutersbacher waren einer der wohlhabendsten Familien des ganzen Landes. Ein großer Teil der umliegenden Hügel und Wälder des Dorfes waren in ihrem Besitz und auch einige der größeren Betriebe im Ort waren von ihnen abhängig – wenn nicht finanziall, dann doch zumindest von ihrem Wohlwollen. Nicht zuletzt deshalb war Anschütz, der Bürgermeister des Dorfes und ein charakterschwacher Wendehals, stets darauf bedacht die Familie bei guter Laune zu halten und ihnen allerlei großzügige Geschenke im Namen der Dorfgemeinschaft zu machen. Er ging in seinem Treiben damit sogar so weit, dass er der Familie in rechtlichen Belangen große Sonderstellungen einräumte und ihnen in manchen Angelegenheiten sogar Immunität gewährte. Während im Rest des Dorfes im April also große Aufregung herrschte, sorgte sich der Bürgermeister vor allem darum wie etwaige Wogen zu glätten wären und ob die Familie Reutersbach womöglich damit beginnen würde in Zukunft auswärtige Bedienstete und Erntehelfer auf ihrem Anwesen zu beschäftigen. Als er schließlich hörte, dass sich der Hausherr damit begnügen würde, lediglich dem Dieb selbst den Garaus zu machen, atmete er in seinem gepolsterten Sessel erleichtert auf und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Natürlich kannte er den Betroffenen F ebenfalls – auch die Familie des Bürgermeisters war schließlich seit Generationen in R angesiedelt. Er schien sich sogar zu entsinnen, dass eine seiner Cousinen mütterlicherseits eine Zeit lang mit einem der älteren Fuchs-Männer liiert war, Genaueres mochte ihm diesbezüglich jedoch nicht einfallen. Und außerdem, so sagte er sich, durfte er sich durch dererlei Emotionalitäten und sentimentalen Anbahnungen nicht aus der Fassung bringen lassen. Schließlich war seine Aufgabe vor allem die, dem Dorf auf lange Sicht gesehen eine wirtschaftlich stabile Basis mit Perspektiven zu sichern, und wenn dabei gelegentlich der Einzelne zu Schaden kam, so war das zwar nicht erfreulich, doch letzten Endes das notwendige Opfer zum Wohle der Allgemeinheit.

Wie von Reutersbach gewünscht, sollte Martin F deshalb am Sonnabend auf den Marktplatz geführt und zur Schau aller nahe dem Dorfbrunnen an einem eisernen Gitter hingerichtet werden. Zwar war es unüblich eine derart harte Strafe an einem jungen Menschen von nur 14 Jahren anzuwenden, doch der Raub von fremdem Vieh war in jenen Tagen ein schwerwiegendes Verbrechen. Und da der alte Reutersbach selbst ein leidenschaftlicher Jäger war und ihm in seinem Leben nichts lieber war als die Jagd, verzieh er es nicht wenn eines seiner Tiere den Tod durch eine andere Hand als die seine fand. Auch auf das Bitten der Familie F und auf die angebotenen Entschädigungszahlungen wollte er sich deshalb nicht einlassen. Bei dem verschwundenen Tier handelte es sich nämlich nicht um ein wertvolles Arbeits- oder Schlachtvieh, etwa einen Ochsen oder ein Pferd, sondern lediglich um eine alte Gans, die ohnehin bald im Suppentopf des Herrenhauses gelandet wäre. Zwar war eine Gans zu jenen Zeiten auch ein Tier, das in der Dorfbevölkerung nur selten leistbar war, doch bei besonders festlichen Anlässen wie einer Hochzeit oder einer Taufe, kam auch dort manchmal ein solcher Vogel auf den Tisch. Mit Hilfe einiger Freunde und Bekannter hatte die Familie F deshalb genügend Geld sammen können, um den Tauschwert von drei Gänsen, oder umgerechnet sogar einem jungen Schwein, bezahlen zu können. Doch Reutersbach war einer vom alten Schlag, einer für den ein Auge mit einem Auge und ein Zahn mit einem Zahn vergolten wurde. Ein Mord an einem seiner Tiere wollte er deshalb nur mit einem ebensolchen Mord am daran schuldigen aufgewogen sehen. Und wer auf seinem Grundstück wilderte, sollte zum abschreckenden Beispiel aller dafür mit seinem Leben bezahlen. Und schließlich stand auch die in Preußen vor einigen Jahren eingerichtete Gendarmerie mit dem Gutsbesitzer Reutersbach in einem solch nahen Verhältnis, dass sie sich in dessen Angelegenheiten selten einmischte. Entgegen der Tatsache, dass Fs Tod somit also beinahe beschlossene Sache war, erwirkte seine Mutter in einem eilig versandten Telegramm an den Wachtmeister K, dass ihrem Sohn immerhin die Chance gewährt werden sollte sich vor seiner Hinrichtung zu verteidigen und zu erklären. Vielleicht, so dachte sie, ließe sich Reutersbach dadurch ja doch noch umstimmen.

Als der Tag kam, an dem F sich schweren Herzens von seinen Eltern und Geschwistern in der Stube des Hauses verabschiedete, fand sich das gesamte Dorf am Marktplatz ein, um ihm in seiner schwersten Stunde beizustehen und ihr Mitgefühl kundzutun. F wurde wie angekündigt von zwei Männern von zuhause abgeholt und auf den Dorfplatz geführt, wo der Bürgermeister, Reutersbach und der Rest des Dorfes bereits auf ihn warteten. Anschließend wurde er an Armen und Beinen an ein schmiedeeisernes Tor gebunden und vom Dorfpfarrer empfing er auch noch ein letztes Mal die Kommunion. Endlich trat Reutersbach in seiner Funktion als Gutsherr vor ihn hin und fragte laut, ob er sich seines Vergehens als schuldig bekannte und bereit war als gemeiner Dieb die dafür gerechte Strafe zu empfangen. F verneinte und wieß darauf hin, dass ihm schließlich das Recht auf eine Verteidigung eingeräumt worden sei welche er an dieser Stelle gerne selbst zu übernehmen bereit wäre. Und da sich der Gutsherr, obgleich seiner Stellung und seines Einflusses im Dorf nicht über die geregelten Amtswege hinwegsetzen konnte, würde er diese Gelegenheit nützen, um seine missliche Lage zu erklären. Daraufhin trat Reutersbach mit einem leicht verstimmten Ausdruck im Gesicht einen Schritt zurück und hieß F sich zu erklären.

F gab zu verstehen, dass die Anklage gegen ihn lediglich auf eine falsche Anchuldigung und pure Lügen zurückzuführen sei. Der eigentliche Dieb des Tieres wäre einer der Söhne aus dem Hause Reutersbach selbst. Jener hätte den Vogel vor wenigen Tagen zur Belustigung über die Wiese neben dem Teich der Familie getrieben, ihn in eine kleine Höhle gescheucht und ihm dort elendiglich den Hals umgedreht. In seiner Todesangst habe der Vogel wild um sich geschnappt und dem Jüngling sogar einige Fetzen aus dem feinen Linnen seines Hemdes gerissen. Gewiss wären die beschädigten Kleider irgendwo im Hause Reutersbach zu finden. F würde sich selbst mit dem Herrn und einem Vertreter der Polizei auf die Suche machen und nicht ruhen, solange der Beweis nicht gefunden wäre. Ein reges Raunen ging daraufhin durch die Menge, hier und dort folgten empörte Rufe und dem Bürgermeister stand durch die dadurch entstandene Aufruhr schon wieder der Schweiß auf der Stirn. Reutersbach war F lediglich einen finsteren Blick zu und nannte seine Geschichte eine “Ungeheuerlichkeit” und ein reines Lügenmärchen für das er den Tod erst recht verdient hätte. Denn wenn, so er, diese absonderliche Geschichte wahr wär, so solle er ihm die beschriebene Höhle zeigen und den toten Vogel zurückgeben. Die Suche nach einem ominösen Kleidungsstück, und noch dazu in seinem eigenen Haus, wieß er jedoch entschieden zurück. Die einzige Chance die er F ließ, wäre also ihn zu dieser Höhle zu führen und ihm den Vogel zu geben. Daraufhin erwiderte F, dass dies leider nicht machbar sei, da der Mörder, sobald er bemerkt hatte, dass er nicht ungesehen geblieben war, das tote Federvieh packte, ihm haste einige Steine in den Hals schob und im Teich versenkte. Anschließend habe er den nur verdutzt dreinschaunden F spöttsich angesehen und gesagt, das er ja nicht auf die Idee kommen sollte seinem Vater irgendetwas davon zu erzählen, denn ihm wäre es ein Leichtes die Schuld auf F selbst zu schieben und das verschwundene Tier als von Diebsgesindel gestohlen zu melden. Vielleicht wäre es jedoch möglich auf den Grund des Teiches zu tauchen und den Vogel auf diese Weise wieder zu Tage zu bringen.

Nun begann Reutersbach schallend zu lachen, bevor er verärgert ausspuckte und mit böser Miene antwortete, dass ihm ein solch durchtriebener Lügner wie F wohl in seinem ganzen Leben noch nie untergekommen wäre. Keinen Moment seiner Zeit würde er mit einer derart sinnlosen Suche vergeuden, nur damit dieser Bube noch länger seiner Strafe entgehen könne. Wieso, so fragte er weiter, sollte irgendjemand F auch Glauben schenken, nachdem sich dieser doch bereits in der Vergangenheit mehrmals als gemeiner Dieb erwiesen hatte. Damals habe er beispielsweise die Pflaumen bei der Ente in seinen Manteltaschen wegschmuggeln wollen, obwohl es den Erntehelfern ausdrücklich untersagt gewesen war von den Früchten zu naschen oder ohne die Begutachtung des Aufsehers welche wegzuwerfen. F antwortete darauf, dass zu dieser Zeit bereits in einigen Haushalten des Dorfes die Vorräte knapp wurden, während in den umliegenden Heinen eifrig geerntet wurde. Die Handvoll Pflaumen hätte er also nur für noch knappere Zeiten Zuhause dörren und zurücklegen wollen. Er habe Reutersbach schließlich auch einige Male darauf angesprochen, doch nachdem ihn dieser immer wieder nur vertröstet oder abgewiesen hatte, habe er sich ein Herz gefasst und ein paar wenige eingesteckt. Niemals, so F, hätte er die Früchte mitgenommen, wenn er nicht um die Engpässe im frühen Winter gewusst hätte, in denen jede Handvoll Pflaumen von Gewicht sein konnte. Und wenn er also nur aus der Not heraus und aus Fürsorge für seine Familie gehandelt hatte, so könne er doch kein schlechter Mensch sein, fügte er abschließend hinzu. Aus dem hinteren Reihen der Menge ertönten nun wohlwollende Rufe und in den vorderen Reihen wurde eifrig geklascht.

Das mißfiel Reutersbach. Er war zwar nicht auf die Symphatie des Dorfes angewiesen, doch trübte ihm eine solche Stimmung ein wenig den süßen Geschmack seines nahenden Vergnügens. Deshalb winkte er den Bürgermeister, der nun schon eilig herbeigelaufen kam, schnell beiseite und fuhr in noch lauterem Ton fort, dass der Angeklagte schließlich nicht nur Obst sondern auch beinahe ein wertvolles Buch gestohlen hätte. Wie, so fragte er, könnte sich F aus dieser Situation mit seinem humanitären Geschwätz herausreden, da er doch nicht etwa behaupten wolle, dass er das Buch als Wintervorrat oder gar als Heizmaterial mit nach Hause hatte nehmen wollen. Auch handelte es sich bei dem Buch um ein Werk musikalischer Natur das ihm keinerlei direkten Nutzen hätte bringen können. Der einzige Hintergrund konnte also nur jener gewesen sein, dass er das Buch hatte stehlen wollen, um daran anschließend zu seiner persönlichen Bereicherung damit Handel zu treiben. Somit sei die wahre Natur des Diebes F nun also endgültig ans Licht gebracht.

F meinte darauf, dass er das Buch tatsächlich nicht aus Mitgefühl für einen Dritten aus dem Schrank genommen hatte, doch dass er von Kindestagen an ein recht großer Freund der Musik sei. Zwar war seine Kenntnis darüber sehr gering und auch verstand er es nicht einem Instrument wohlklingenden Töne zu entlocken,aber trotzdem liebte er es sich Partituren und Notenblätter anzusehen oder den Liedern der Feldarbeiter zuzuhören. Er habe das Buch nur deshalb aus dem Schrank geholt, da ihm beim Schrubben des Bodens zufällig dessen Titel Musikalisches Gesangbuch ins Auge gestochen war. Daraufhin hatte er Eimer und Bürste kurz beiseite gelegt und darin geblättert. Er habe zwar nicht viel von den Linien, Kreisen und Punkten darin verstanden, doch er erinnerte sich einiger Lektionen aus der Sonntagsschule über das Lesen und den Gebrauch der Notenschrift. Demnach musste das Lied das er betrachtete von relativ einfacher Natur gewesen sein, da die Punkte wie auf einer Leiter in regelmäßigen Abständen nach oben wanderten und an manchen Stellen nur geringe Sprünge nach unten und oben machten. Er wisse zwar, dass das nicht viel war, was er mit dem Buch anzufangen vermochte, trotzdem machten ihm Dinge dieser Art großen Spaß. Als er dabei dann schließlich gedankenverloren von einem der Familienmitglieder überrascht worden war, sei er nur vor Schreck , nicht aus einem schlechten Gewissen heraus zusammengezuckt. Auch hierauf waren aus der Menge unterstützende Rufe zu hören und der Bürgermeister, der nun schon sehr nervös geworden war, warf den Anwesenden böse Blicke und Flüche entgegen.

Reutersbach sah inzwischen ein, dass die Stimmung für ihn nun erst recht denkbar schlecht stand, doch wollte er sich auf keinen Fall um sein Recht der Vollstreckung bringen lassen. Also begann er, trotz der immer lauter werdenden Protestrufe seine lange Jägersflinte mit einigem Pulver und Schrot zu laden, während ein anwesender Gendarm und der Bürgermeister darauf achteten, dass sich niemand allzusehr dem Gitter näherte. Als er damit fertig war, baute er sich in einigen Metern Entfernung vor F auf und sprach laut: “Dieser Moment sollte uns allen nicht als ein Akt der Grausamkeit, sondern vielmehr als eine Warnung in Erinnerung bleiben. Als eine Warnung an diejenigen, die vergessen zu haben scheinen, welchen Platz ihnen Gott auf dieser Welt zugedacht hat. Es ist nicht etwa meine Schuld, dass es manche verdient haben zu herrschen, während es in der Natur anderer liegt beherrscht zu werden. Deshalb rufen wir uns an diesem Tag wieder gemeinsam ins Gedächtnis, dass ein Gänsebraten nicht auf jeden Tisch gehört. Vielmehr ist es die Aufgabe jener die ihren Platz in der Gesellschaft vergessen haben, sich daran zu erinnern, durchaus auch mit einer gefangenen Maus oder eine Ratte vorlieb zu nehmen.” Sprachs, hob seine Flinte und schoss Martin F tot, so dass dieser zu Boden sank und sein weißes Hemd wenige Augenblicke später mit Mustern geschmückt war, die in der Sonne wie rote Tinte leuchteten.

11.11.2012

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