Reisenotiz Riga (2017)

Reisenotiz;
Nach einer Anreise, die jeder Beschreibung spottet, finde ich mich in einem B&B in Rigas Altstadt wieder. Die lausige Flughafen-Verpflegung setzt mir körperlich zu und ich suche als erstes die Toilette auf. Postsowjetische Bauqualität bietet mit Sicherheit Vieles, doch nur selten ist es Benutzerfreundlichkeit im mitteleuropäischen Sinn. Die Wände des Aborts sind eher symbolisch gemeint und berühren bei weitem nicht die Decke des Raumes. Während ich auf der Schüssel sitze, kann ich dem benachbarten Pärchen dabei zuhören wie es miteinander Zärtlichkeiten austauscht. Für mich ist es nicht einfach sich zu entleeren, während sich im selben Raum andere Menschen lieben; nach ein paar Minuten breche ich ab

Es ist inzwischen dunkel und der Jahreszeit entsprechend liegt großzügig Schnee. Ich weiß, dass die Rezeption bereits seit Stunden geschlossen hat, doch auf dem Empfangstisch liegen sowohl ein Brief als auch ein Schlüssel für mich bereit. Als ich den Namen meines Zimmers lese muss ich lächeln: ‘Cognac Room’. Ab dem Überschreiten eines gewissen Längen- oder Breitengrades versuche ich mir stets vorzustellen, dass die Leute zunehmend zu besseren Menschen werden. Vielleich verspricht diese Reise doch noch autobiographisch bedeutsam zu werden

Die erste Bar, an der ich vorbeilaufe, trägt den Namen ‘Apotheke’, was ich als direkte Aufforderung begreife. Ich bestelle ein Bier und blättere den Bestand der örtlichen Jukebox durch. Die dafür verantwortliche Person schien zu wissen was sie tat und ich wünsche mir ein ähnlich gutbestücktes Gerät in meine Stammbar. Ich entscheide mich für ‘Heavy Rain’ von Boris und bin an diesem Tag zum ersten Mal halbwegs entspannt. Da ich niemanden kenne, neigt sich mein Glas rasch dem Ende zu und ich ziehe weiter. Ich lande in einem guten, mäßig besuchten Musikclub. Um mich herum sitzen vor allem Menschen um die 40, die sich über Kunst unterhalten; länger als eine Bierlänge möchte ich mich auch dieser Situation nicht aussetzen

Die Nachtluft auf dem Nachhauseweg tut gut; wenn man hier stirbt ändert sich die Temperatur nicht mehr besonders. Ich beschließe einen Umweg zu nehmen, um vor dem Schlafengehen noch kurz das Wasser zu hören

riga

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