Reisenotiz Wien (2016)

Reisenotiz;

„Über das zwischenmenschliche Verhalten im halböffentlichen Raum des Mehrbettzimmers“ könnte wohl der Titel einer noch zu schreibenden Arbeit lauten. Meine Liebe und mein Hass zu Mehrbettzimmern in Hostels gehen miteinander Hand in Hand. Günstige Wohnmöglichkeit; Sozialstudie; Abfuck.
Die letzten Tage meiner ZimmergenossInnen neben dem Wiener Hauptbahnhof waren gezeichnet von Lethargie und nächtlichem Unwohlsein. Ich war mit Abstand der jüngste im Raum und mental wohl auch der am wenigsten angeschlagene. Die Menschen, die hier nächtigen, wirkten nicht wie Touristen, Reisende oder Menschen, die an diesem Ort eine konkrete Aufgabe zu erfüllen hatten. Vielmehr lag ein Gefühl von Siechtum, Drogenmissbrauch und Gelegenheitsprostitution in der Luft.

Ein ziellos vor sich hin laufender Fernseher vermüllte das Zimmer mit Wortfetzen über Schildkröten, Waschmittel und Sonderangebote. Die Frau gegenüber starrte an die Decke; ein unter mir liegender Mensch bewegte sich gar nicht.
In beiden Nächten betrat ein Mann den Raum, der sich auf das Bett neben mir setzte und mit der Frau in gebrochenem Englisch wirre Gespräche führte.
„Coke. Cappuchino. 2 Euros. Sleep now. Enough. Coke. 2 Euros. I smoke. Enough now. Sleep. Coke.“
Am Ende zitterte und schluchzte er und die Frau nahm ihn die Arme. An Ruhe war nur bedingt zu denken; ich stellte mich schlafend und dachte an etwas anderes.

Morgens fand ich den Mann jeweils knieend und wimmernd auf seinem Bett vor. Er presste die Stirn gegen das Laken und brabbelte vor sich hin. Sobald er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, hörte er damit auf und musterte mich. Ich duschte, trocknete mich in Ermangelung eines Handtuches mit dem Bettlaken ab, packte meine Sachen und grüßte ihn zum Abschied mit einem wortlosen Nicken.
reisenotizg

Advertisements