Situation 2 (2012)

Kurzgeschichte von David Prieth für den Herbst
11.09.2012

In seiner rechten Hand hielt er ein bauchiges, verziertes Glas, noch halb voll mit dem guten Cognac, den er sich abends um sieben täglich zu gönnen pflegte. Nachdem er mit seinem Sohn einige Zeit lang gescherzt und sich auch nach dessen Frau und den neuesten Entwicklungen der Jüngsten, seiner beiden Enkel, erkundigt hatte – beide würden die Volksschule erfolgreich hinter sich lassen und der Sohn habe im Sinn die beiden anschließend auf das städtische Gymnasium zu schicken – machte er ein anerkennendes Gesicht und lehnte sich in seinem grünen Ohrensessel tief zurück. So saßen sie und schwiegen einige Minuten sich gegenübersitzend, denn das Schweigen beherrschten die beiden Männer, der Alte sowie auch der Jüngere, besonders miteinander konnten sie schweigen, gemeinsam die Stille genießen und sich auch ohne Worte sicher sein, dass der Eine die Gegenwart des Zweiten im Augenblick genauso zu schätzen wusste, wie es auch der Andere tat. Als einige stille Minuten vergangen waren, stellte der Alte sein inzwischen leeres Glas leise klirrend auf der Platte des niedrigen Tisches ab und sagte zu seinem Sohn: „Mir ist so klar wie euch allen, dass mir wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Jahre bleiben werden, bevor ich dann meinem endgültigen Abtritt ins Auge sehen muss. Für unsere Familienverhältnisse habe ich inzwischen ohnehin ein recht stattliches Alter erreicht. Wenn du da zum Beispiel an deinen Onkel Andres denkst, der ist ja immerhin schon mit Anfang 60, also sogar noch vor seiner Pensionierung an seinem zweiten Herzinfarkt gestorben, und auch die meisten meiner Cousins mütterlicherseits sind inzwischen schon seit einiger Zeit nicht mehr bei uns. Und der Großpapa, also mein Vater, ist ja schließlich sowieso keine 40 geworden. Alt zu werden scheint unserer Familie offenbar nicht vergönnt zu sein, besonders nicht den Männern, auf irgendeine Art hat noch fast einen jeden von uns vor seinem Fünfundsiebzigsten der Teufel geholt. Da kann ich mich mit meinen inzwischen 78 Jahren also schon glücklich schätzen. Aber dass der Großpapa und die Großmama nicht besonders alt geworden sind, das hat ja dann schließlich auch mit den Umständen in ihrer Jugend zu tun gehabt…“.

Mit seiner rechten Hand, die über die Jahre schon etwas lahm geworden war, bedeutete er dem Sohn ihm doch noch einen kleinen Schluck Cognac einzuschenken. Der Sohn leistete seiner Bitte auch wohlwollend Folge und schenkte schließlich sogar sich selbst noch ein Kleinwenig nach bevor er die Flasche wieder abstellte. Er wusste genau, dass das Gläschen am Abend eine kleine Schwäche des Alten war der jener sehr gerne nachging – und in seinem Alter, so dachte er sich, hätte er sich ein kleines Laster nach all den Jahren harter Abend irgendwie auch verdient. „Danke, das tut gut“, sagte der Alte lächelnd nachdem er einen herzhaften Schluck aus dem Glas genommen und es wieder am Tischchen zu seiner Rechten abgestellt hatte. „Wie gesagt, ich weiß, dass ich davon ausgehen kann, dass mich jetzt dann irgendwann einmal der Schlag treffen oder sonst etwas passieren wird. Ich weiß es nicht nur, ich spüre es schon förmlich kommen. Deshalb wollte ich heute auch in Ruhe mit dir alleine reden und habe dich gebeten, dass du die Andrea und die Kinder einmal nicht mitnimmst und alleine kommst. Danke, dass du meinen Wunsch respektiert hast, ich weiß ja, dass ihr Beide durch eure Arbeiten nicht gerade oft gemeinsame Familientage verbringen könnt und meistens nur am Wochenende ein bisschen mehr Zeit habt – ich weiß das also wirklich zu schätzen.“ Daraufhin nickte der Sohn beschwichtigend und machte eine Geste, die dem Alten bedeutete den Faden des eigentlichen Themas nicht aus den Augen zu verlieren. „Ah ja, ich schweife wieder einmal ab“, gab dieser entschuldigend zurück, „du kennst mich ja, wenn ich einmal anfange zu reden, passiert das oft schneller als ich das…naja…auf jeden Fall… es geht um die Hinterlassenschaften, die dir in meinen Augen zustehen und die ich dir auch, obwohl mir einige alte Bekannte im Dorf davon abgeraten haben, zugänglich machen möchte. Zugänglich machen ist dabei wahrscheinlich nicht der richtige Ausdruck, aber ich möchte dich auf jeden Fall darüber aufklären was unsere Familie über die Jahrzehnte angespart und zurückgelegt hat und auch was mit dem Geld passiert ist das nicht auf der Bank liegt oder das ich als längerfristige Anlage in die Sanierungsarbeiten rund um dieses Haus investiert habe. Wie du weißt ist dein Urgroßvater ja seinerzeit gegen Ende des ersten Weltkrieges in Französische Gefangenschaft gekommen als er Mitte 20 war. Damals war das ja schon ein Alter mit dem man in der Hochblüte seines Lebens stand, normalerweise bereits mit einigen Kindern und einer großen Familie. Dein Urgroßvater hat von all dem aber nicht viel gehalten, er war ja immer schon ein recht eigener Typ und hatte einen starken Charakter. Von Kindern wollte er zu dieser Zeit ebenfalls nie viel wissen. Erst als er dann nach vier Jahren Gefangenschaft wieder zurück zu eurer Urgroßmutter gekommen ist, haben sie dann zwei Kinder, deinen Großonkel Michael und meinen Vater, in die Welt gesetzt.

Das Grundstück auf dem unser Haus heute steht haben sie damals spottbillig erstanden. Einerseits weil dein Urgroßvater im Dorf ein recht angesehener Mensch war und andererseits…weil hier natürlich halt auch nichts gewesen ist, weder eine Landwirtschaft noch ein Wohnhaus, nicht einmal irgendeine Wasserversorgung hat es hier gegeben. Der Bürgermeister hat sich also gedacht, dass es für das Dorf besser wäre das Grundstück an euren Urgroßvater zu verkaufen und damit ein bisschen Geld für die Gemeinde zu machen, als es einfach brach liegen zu lassen. Auf jeden Fall hat euer Urgroßvater dann begonnen hier eine kleine Hütte zu bauen, großteils in Eigenregie und mit der Hilfe von ein, zwei Wanderarbeitern und er hat dann auch beschlossen einen Brunnen auszuheben, um eine halbwegs zuverlässige Wasserversorgung in der Nähe zu haben. Der Brunnen hat dann natürlich sehr tief sein müssen, weil das Grundwasser in dieser Gegend recht weit unten liegt. Über drei Monate hat er gegraben für die dreizehn Meter die er bis zum Wasser gebraucht hat. Und eure Urgroßmutter, die ja von Natur aus eine sehr zarte und gebrechliche Frau war, hat ihm dabei helfen müssen. Er ist dazu wieder und wieder in einen großen Trog gestiegen und hat sich von ihr mit einer Seilwinde in den schmalen Schacht absenken lassen. Unten war es natürlich stockdunkel, deswegen hat er immer eine schwache Petroleumlampe dabeigehabt, damit er wenigstens gesehen hat, ob er den Schacht auch möglichst lotrecht aushebt. Und wenn er dann unten seinen großen Eisenkübel wieder voll mit Schutt und Erde gehabt hat, hat ihn die Großmutter mit der Hilfe des Nachbarnsbuben, dem er für die Arbeitsstunde einen Schilling bezahlt hat, wieder nach oben kurbeln müssen, sogar dann noch als sie sich schon um das noch junge zweite Kind – deinen Großvater – hat kümmern müssen. Diese ganze schwere Arbeit hat eurer Urgroßmutter natürlich schwer zugesetzt und sie ist mit dieser Lebensweise auch überhaupt nie zurecht gekommen. Der Opapa hat zwar nie darüber gesprochen, aber auch er hat freilich gemerkt, dass sie letztendlich an dieser Art ihr Leben zu führen zu Grunde gegangen ist. Das war dann schließlich auch die Ursache weshalb sie sich diesen extremen Marienkult angefangen hat. Überall in ihrer Kammer hat sie ihre Statuen stehen gehabt, richtige Altäre hat sie da drinnen errichtet. Die alte Bibel, die sie von ihrer Mutter noch damals als Hochzeitsgeschenk bekommen hatte, war ihr dann auch das Allerwichtigste und obwohl sie bereits komplett ramponiert und zerlesen war, hat sie sie jeden Abend wieder auf ihren Schoß gelegt und hat still darin über die Muttergottes gelesen.“

An dieser Stelle hielt der Alte für einen Augenblick inne und warf einen Blick auf das alte Bücherregal in der Ostseite des Zimmers. Er wusste, dass die alte Familienbibel dort immer noch stand, auch wenn er sie schon seit Jahren nicht mehr herausgenommen hatte. Seinem Vater war es damals sehr wichtig gewesen, dass er sie aufbewahrte und dass sie auch nach dem Abriss der alten Hütte und dem Neubau des jetzigen Hauses nicht verloren gehen würde. Der Jüngere warf dem Alten einen fragenden Blick zu, tippte kurz unsicher auf die Cognac-Flasche, doch der Alte schüttelte nur kurz den Kopf. „Wie gesagt, deine Urgroßmutter war ja von Natur aus eine sehr schmächtige Frau, nicht gemacht für harte körperliche Arbeit. Als der Opapa dann nach drei Monaten Arbeit schließlich tief genug gegraben und den Boden schon ganz nass von durchsickerndem Wasser gesehen hatte, hat er sich gefreut und eurer Urgroßmutter nach oben zugerufen, dass die Schufterei jetzt endlich zu Ende sei. Doch plötzlich ist dann die hintere Wand des Schachtes eingebrochen und ein dicker Wasserstrahl ist ihm in den Rücken geschossen. Bevor er überhaupt gewusst hat wie ihm geschieht, ist dann auch schon der Boden unter ihm weggesunken und er ist bis zu den Hüften im Wasser gestanden. Der Trog, in dem eure Urgroßmutter ihn immer hinaufgekurbelt hat, ist zu diesem Zeitpunkt natürlich auch schon komplett voll mit Wasser gewesen und sie hat dann auch überhaupt keine Chance mehr gehabt ihn nach oben zu ziehen, schon alleine durch den Sog. Als sie laut um Hilfe geschrieen hat und mit der Hilfe des Nachbarsbuben den Trog nach ein paar Minuten nach oben gekurbelt hat, war der Schacht schon fast voll mit Wasser und der Urgroßvater längst ertrunken. Der Körper des Opapas ist dabei aber nicht mit im Trog gewesen, sondern muss sich unten im Schacht irgendwo verfangen haben. Das hat eurer Urgroßmutter natürlich den Rest gegeben und danach ist sie auch nie wieder in die Nähe des Brunnens gegangen. Sie hat ein Gitter darüberlegen lassen und auf dem Friedhof ist letztendlich ein leerer Sarg bestattet worden“.

„Über die Jahre ist der Brunnen dann auch durch allerlei Gestrüpp zugewachsen und man hat irgendwann einmal gar nicht mehr so genau gewusst wo der Schacht einmal ausgehoben wurde. Als dann aber viele Jahre später der zweite Weltkrieg gewütet hat und auch wieder zu Ende gegangen ist und mein Vater, der schwer angeschlagen wieder von der Front zurückgekommen war, gehört hat, dass die Amerikaner schon am Eingang des Tals standen, hat er wie verrückt das gesamte Grundstück abgegrast und nach dem alten Brunnenschacht gesucht. Als er ihn dann endlich gefunden und Teile des Gitters freigeschaufelt hat, hat er die gesamten alten Erbstücke, den ganzen Schmuck und die anderen wertvollen Sachen die ihnen seine Mutter hinterlassen hat, genommen und in den Brunnenschacht geworfen. Die Amerikaner hätten ihnen das ganze Zeug ja weggenommen, wenn sie es bei einer Hausdurchsuchung gefunden hätten. Als er damit fertig war das Gitter wieder mit Erde zuzuschütten, ist er zu mir und eurem Onkel Andres ins Haus gekommen und hat gemeint: ‚Irgendwann wenn das alles hier vorbei ist und die Zeiten besser sind, macht ihr den Brunnen wieder auf und holt euch heraus was euch gehört.’ Dann ist er mit den restlichen Männern aus dem Dorf hinaus zum Taleingang gegangen und wollte sich stellen. Irgendwas soll dabei dann aber schief gegangen sein, denn ein paar der Männer haben offenbar damit begonnen mit Steinen auf die Amerikaner zu werfen und als dann ein heftiges Handgemenge ausgebrochen ist, haben sie zwei Männer, darunter euren Großvater erschossen.“ Der Alte senkte seinen Blick und betrachtete für ein paar Minuten seine von den Jahren gezeichneten Hände. Danach räusperte er sich und fuhr fort: „Ich habe den Brunnen nie aufmachen und die Erbstücke auch nie aus dem Schacht heraufholen lassen, ich wollte mit der ganzen Geschichte einfach nichts mehr zu tun haben. Trotzdem war es mir wichtig, dass du weißt was mit einem Teil deines Erbes passiert ist und wo es sich befindet, falls du es für richtig befindest, dass es wieder von dort heraufgeholt wird. Was du dann damit machst ist mir egal, auch ob du den Brunnen überhaupt aufmachen lässt oder nicht. Ich wollte – einfach nur diesen Teil unserer Familiengeschichte an dich weitergeben“. Der Jüngere nickte, nahm die Hand des Alten kurz zwischen die seinen und stand nach ein paar Momenten des Nachdenkens auf. „Ja, wahrscheinlich ist es besser wenn du jetzt gehst und ein wenig darüber nachdenkst. Wenn du möchtest, kannst du diese ganze Geschichte auch einfach wieder vergessen – du musst dir damit nicht das Leben schwer machen. Du hast ohnehin bereits genug Dinge um die du dich kümmern musst.“ Der Sohn nickte, klopfte ihm noch einmal liebevoll auf die Schulter, drehte sich um und verließ den Raum.

Der Alte saß noch einige Zeit so da und ließ seine Gedanken schweifen. Schließlich schenkte er sich noch ein letztes Glas Cognac ein und richtete sich langsam auf. Mit einigen Mühen schlurfte er an die gegenüberliegende Seite des Raumes und sah die Rücken der alten Bücher durch, die bereits seit langer Zeit Staub angesetzt hatten. Nach einigem Stirnrunzeln und kurzem Suchen fand er dann die alte Familienbibel, über die er seinem Sohn bereits erzählt hatte. Er hatte sich richtig erinnert – die einzelnen Teile des Buches fielen bereits auseinander und der Großteil der Seiten war bereits komplett vergilbt. Mit einem Lächeln klemmte er das Buch unter seine rechte Achsel und humpelte wieder zurück zu seinem grünen Ohrensessel. Während dem Durchblättern nahm er noch einen großen Schluck Cognac und fragte sich wie oft seine Großmutter das Buch wohl in ihren Händen gehalten haben musste und wie oft sie die Muttergottes angerufen haben mochte, um ihr in den schwersten Zeiten beizustehen. Als er das Buch bereits wieder weglegen wollte, hielt er noch einmal kurz inne und versuchte sich an eine bestimmte Stelle zu erinnern. „Lukas…“ murmelte er vor sich hin und begann in den alten Seiten immer wieder vor- und zurückzublättern. „Lukas…“. Kurze Zeit später hatte er das Buch Lukas gefunden, und ließ seinen Zeigefinger die Zeilen entlang fahren, während er langsam und leise dazu mitlas. Als er zu der Stelle kam, die er gesucht hatte, nahm er noch einmal sein altes Cognacglas in die Hand und trank es in einem Zug leer. Schließlich las er laut: „Es ging aber viel Volks mit ihm und er wandte sich und sprach zu ihnen: So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwester, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Dann klappte der Alte die Bibel mit einem Mal zu, stelle sein Glas auf dem Tischchen ab und legte das Buch daneben hin.

 

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