Situation 3 (2012)

Der Mann unter der Decke
02.12.2012

In einer Zeit als das Erzählen noch geholfen hat, stieg am ersten Dezembermorgen ein junger Mensch aus einem Bus der Linie 5, da er mit einem Freund in einem Cafe zum Frühstück verabredet war. Zwar lag für die Jahreszeit noch ungewöhnlich wenig Schnee, doch es wehte ein recht harscher Wind durch die Straßen, so dass der den Reißverschluss etwas höher zog und die Hände in die Manteltaschen steckte. Wie gewöhnlich waren in der Stadt noch nicht allzu viele Menschen unterwegs. Samstagmorgens lagen die meisten entweder noch in ihren Betten oder genossen die Ruhe am heimischen Küchentisch. Und die Eifrigen hatten bereits noch früher ihre Wintersportgeräte in die Autos geladen und waren schon längst unterwegs zu den Skipisten, um dort unter den ersten zu sein die ihre Schneisen in den frisch gefallenen Schnee brannten. Doch der Schein war trügerisch, denn in nur wenigen Stunden würden auch hier die Gassen und Wege mit Leuten gefüllt sein, die sich an den Ständchen der Weihnachtsmärkte Punsch und Krapfen holten. Denn so war das im Dezember. Die Kinder hielten die Hände ihrer Eltern und wurden von diesen, auf der Suche nach warmem Wein und saurem Kraut durch die Straßen gezogen, immer weiter und weiter, von Stand zu Stand und das so lange bis die Eltern schließlich trunken von vorweihnachtlichem Habitus und Schnaps ihren Anhang nur noch mechanisch hinter sich her schliffen, bevor sie anschließend traumlos und müde auf ihre Lagerstätten fielen und so dem Tage Lebewohl sagten. So dachte der junge Mensch im Stillen während er aus dem Bus der Linie 5 stieg und sich auf dem menschenleeren Marktplatz umschaute.

Ein kollektiver traumloser Schlaf hervorgerufen durch warmen Wein und Kraut, so dachte er bei sich, und das in einer Zeit, die unter dem Banner einer Besinnlich- und Einfühlsamkeit stand, war doch eigentlich das den Sinnen am meisten spottende, ein jegliches zur Besinnung kommen komplett vereitelnde Anästhetikum, eine schiere Verhöhnung jeglicher Spiritualität. Vielleicht, so dachte er weiter, wäre es somit sogar ein bewusstes Verkehren der Werte, ein auf den Kopf stellen jeglicher geistiger Ordnung und als solches sogar als eigentlich revolutionär zu bewerten. Jedoch verwarf er diesen Gedanken schnell wieder, da er in einer derartigen stumpfsinnigen Orgie, die letztendlich um nichts besser war als ein jeder beliebiger Heuriger oder ein Oktoberfest, nichts wirklich Revolutionäres finden konnte. Und wahrscheinlich musste man das auch gar nicht, da es für die Gesellschaft offenbar bereits in dieser Form gut und schön war. Und letztendlich hatten alle Jahreszeiten ihre rituellen Gelage. Zu Ostern gab es Bockbier, im Sommer spritzigen Weißwein, im Herbst süßen Sturm der einem schon ins Hirn gestiegen war, bevor man das Glas wieder abgesetzt hat und im Winter gab es nun eben Glühwein und Punsch. Und so lagen an den darauf folgenden Morgen die Menschen schließlich mit zermürbtem Geist in ihren Betten und überließen die Welt sich selbst, so dass man an jenen Tagen in Ruhe in einem Bus der Linie 5 fahren konnte und der Marktplatz an dem man letztendlich auszusteigen gedachte, war menschenleer. So dachte er bei sich im Stillen, während er den Blick schweifen ließ und die Ruhe um sich herum einsog.

Doch genau genommen war der Platz überhaupt nicht menschenleer. Denn wer etwas deutlicher hinsah, der konnte auf einer Wartebank der Bushaltestelle eine Gestalt erkennen, die unter einer Decke zusammengekauert im Schneidersitz Wache hielt. Die Gestalt war dem Jungen wohlbekannt, oder besser gesagt die Tatsache, dass an besagtem Ort für gewöhnlich jemand saß. Gesehen hatte er den Mann unter der Decke nur selten. Im Sommer pflegte er dort auf der Bank zu nächtigen, seinen Kopf auf eine Tasche gebettet, auf der in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund das Wort ZEUS prangte. Im Sommer, wenn Temperatur und Umwelt milde gestimmt waren, war es für den Mann kein Problem auf seiner Wartebank zu liegen und dort auf den Schlaf zu warten. Doch im Winter fand man ihn morgens und abends nur mehr versteckt auf seinem Lager vor. Verborgen unter einer karierten Decke, alle Falten des Stoffes fest unter Fersen und Hosenboden gespannt, so dass er um sich selbst ein kleines Zelt spannte das ihn von der Außenwelt abschnitt und dabei gleichzeitig signalisierte: ich bin hier. Der Junge fragte sich wie lange der Mann wohl bereits auf dieser Wartebank leben mochte und wie ein altehrwürdiger, in Stein gehauener Wasserspeier bei Wind und Wetter die Stellung hielt. Hatte er jemals sein Gesicht gesehen? Wohl kaum. Und wenn, so hatte er darauf wahrscheinlich niemals wirklich Acht gegeben. Falls der Mann unter der Decke morgen einem überraschend starken Schneefall zum Opfer fallen und sich aus diesem Leben verabschieden würde, so hätte der Junge also nicht einmal ein wages Bild von ihm vor Augen. Das einzige was bliebe wäre eine Leerstelle, ein stummes Mahnmal das ihn daran erinnern würde wie wenig Aufmerksamkeit er einem Menschen geschenkt hatte, der nun nicht mehr auf der Erde, sondern bereits einen Klafter tiefer lag. Denn auch er war, so dachter er bei sich, letztendlich einer der sich meistens in sich selbst zurückzog und das Leben vorwiegend in Geschichten organisierte, während die sich um sich selbst drehende Welt außen an ihm vorbeizog. Er war einer jener, die in Nichtigkeiten Schwerwiegendes zu sehen glaubten, in Randnotizen alles. Einer jener denen beim Überqueren einer Straße Träume unterschiedlichster Gemütszustände eingeflößt wurden. Rätselhaftes, Erschreckendes und Wundersames, stets waren diese Eingebungen auf eine subtile Weise von einer ihm lieb gewonnenen Eigenartigkeit gefärbt. Als säße nachts über seinem Bett in der Tat ein Alb, der bei Finsternis den Nachtmahren den Weg leuchtete. Einer der in den Wind hinaus schrie und am Ufer seines Geistes das falsche Licht anzündete, so dass alle Gedanken und Eingebungen notwendigerweise am felsigen Riff des Unterbewusstseins auflaufen und daran zerschellen müssten, um daran anschließend zu vermodern und als Dünger für wild wucherndes Unkraut zu dienen.

Es war doch eine verlogene Zeit, dachte er bei sich im Stillen, während der Bus langsam hinter ihm losfuhr. Vielleicht war es in dieser Stadt sogar die verlogenste Zeit des Jahres. Der Dezember brachte jährlich eine Heerschar von Menschen in diese Gegend, angeblich unter dem Vorwand gemeinsam einer Besinnlichkeit zu frönen, einer Menschlich- um nicht zu sagen Mitmenschlichkeit. Doch im Endeffekt wurde dort primär warmer Fusel gesoffen, während fettige Finger auf den Papptellern dunkle Flecken hinterließen. Natürlich, es spielten dort auch Blaskapellen und gelegentlich sang sogar ein Chor. Das war dann ein durchaus schönes Kurzweil, das sich gemeinsam anzuhören man nicht verlegen und müde wurde solange der klebrige Wein einem die Scherben in der Seele kittete. Weshalb sonst wurde das Ereignis im Volksmund mit der Verballhornung „Glühkindelmarkt“ bedacht? Und weshalb sonst kümmerte es auch zu dieser Zeit niemanden besonders ob jemand an einer Bushaltestelle unter einer Decke saß oder nicht. Wie dieser Mensch aussah und warum er gerade dort lebte. Sein Wesen. Und ob er noch auf oder bereits unter der Erde wohnte. Denn auch diejenigen, die sich in den Geschichten die sie irgendwann einmal erzählen an ihn erinnern werden, könnten letztendlich nichts Genaueres über ihn sagen, da sie in ihrem Unwillen zu handeln lediglich stumm daneben gestanden und ihm nur in ihren Träumen ein Heim geschaffen haben. Die Frage ob es letztendlich jemanden kümmern würde wenn die Menschheit vom Erdboden verschwand, konnte der Junge deshalb nur entschieden mit Nein beantworten. Denn ganz wie im Kleinen, so war es auch im Großen. Weder gab es jemanden der uns hier abgesetzt hat, noch einen den es kümmern sollte was aus der Saat von gestern schlussendlich geworden ist. Wie beim Mann unter der Decke wären wir demnach lediglich ein Platzhalter der potentiell interessante Fragen aufwirft und nur so lange existiert wie er dazu eben im Stande ist. Und deshalb würde auch an unserem letzten Tag die Sonne in ihrer gewohnten Weise aufgehen, die Erde ihre Bahnen ziehen und nachdem ein einsamer Mensch flüsternd sein Leben aushauchte, würde es ruhig sein auf der Erde und niemand sagte mehr ein böses Wort. So dachte er bei sich, als er sich schließlich in Richtung der Innenstadt wandte und leichten Schrittes dahinging.

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