Wasserscheide (2012)

Und plötzlich kommt man auf der Wiese eines Parks zu liegen und blickt dort in sich selbst. Wird sich einer verwirrend-schmerzlichen und schlampig gezogenen Trennlinie bewusst, die die eine Hälfte des Geistes in die Einsiedelei und die andere Hälfte in die Umarmung zieht. Man blickt wie so oft in sich selbst, rezitiert Sätze aus Büchern und Liedern, die einen besonders in der jüngsten Zeit wieder hin- und hergerissen haben. Denkt an Menschen wie Thoreau oder Vikernes. Schreibt Leuten E-Mails die man noch nie zuvor im realen Leben gesehen hat und nur aus wagen Erzählungen kennt. Fühlt sich „besprungen“ von einer Gewissheit und sieht in sich selbst diesen willkürlich herausgepickten Menschen, der von Camus’ Absurdem an einem lauen Sonntag Nachmittag mit einer solchen Macht vor den Kopf geschlagen wird, dass er beinahe ohnmächtig zusammenbricht.

Schwummriges Licht, die Rollläden hängen tief, deine Augen sind die Leinwand für den Projektor. In deinem linken Auge sehe ich eine Hütte auf einem Berg. Sehe Wälder und Wiesen und deine Gefühle die dich immer weiter weg von allem ziehen das sich nur im Entferntesten verdächtig machen könnte dich an einen Ort zu fesseln. In deinem linken Auge ziehen Zitate von thematisch lose zusammenhängenden Schriften vorbei, teils aus von dir geschätzten, griffigen Folk/Country Nummern stammend, bishin zu eigentlich nie ausgesprochenen Wahrheiten, ihrerseits geboren während imaginierter Sitzungen Adornos und Horkheimers in einer heidnischen Kapelle inmitten nächtlich verborgener Wälder. Auf Knien dankst du Skandinavien für seine musikalische und spirituelle Inspiration und weiter hinten sehe ich all die Leute, an die du schon lange nicht mehr gedacht hast und die jetzt plötzlich wie traurige, vernachlässigte Gespenster in immer größerer Zahl auf dich zukommen. Die unerwartete Nachricht auf deinem Handy, die laut dessen Verfasser keine Funktion hat, lässt deine Augen flackern und taucht den Nachthimmel in eine Flut aus Licht.

Ich möchte die Perspektive wechseln und sehe dich in deinem rechten Auge umringt von einer Traube Menschen. Du drückst sie fest an dich und küsst sie auf Stirn und Nase. Du sagst zu ihnen: „Ich sehe dich“ und möchtest dich mit ihnen, einem nach dem anderen, in einem ruhigen Winkel niederlassen und ihnen zuhören. Möchtest ihre Worte auf Band festhalten, sie erzählen lassen. Du kennst diese Personen seit Jahren und Jahrzehnten, doch genau jetzt würdest du endlich gerne erfahren wer sie eigentlich sind. Je mehr du ihnen zuhörst, desto schärfer siehst du sie und desto mehr küsst du sie auf Stirn und Nase. Und dann wird das Bild von der Hütte und den Wäldern und der Abkehr ganz blass.

Unten siehst du Menschen gemeinsam die Straße entlang gehen. Die einen lachen und halten sich an den Händen, die anderen betrachten schweigend den Himmel. Du willst überall gleichzeitig hinsehen, willst alles so intensiv wie möglich einsaugen und siehst im Prinzip gar nichts. Ein unsichtbarer Schleier aus verlorenen Gedanken schirmt dich ab und in zwei Minuten weißt du nicht einmal mehr an welchem Haus du soeben vorbeigegangen bist. Du begrüßt die wartenden Geister alle einzeln, schüttelst ihnen die Hände und empfängst sie mit offenen Armen. Du bist froh, dass sie hier sind und sich zu den Personen, die immer präsent an deiner Seite stehen, gesellen wollen. Irgendwann lächelst du und sagst: Es ist gut.

Manche Personen die du erst seit kurzer Zeit kennst, versuchen dich sofort im Ganzen zu verschlingen und so hältst du sie zur Sicherheit vorerst auf (unmittelbarer) Distanz. Lieber nachhause gehen, die Treppen in die höchstgelegene Kammer hinaufsteigen und den Projektor anwerfen. Je öfter du dir die flimmernden Bilder ansiehst, desto mehr fragst du dich auf welcher Seite der Wasserscheide du dich niederlassen möchtest. Auf der Leinwand siehst du dich jetzt selbst in einer Ruine auf einem slowakischen Berg sitzen und der Gräfin Báthory Erzsébet zuhören. Es ist wahrscheinlich befremdlich sich vorzustellen, eingenagelt in einen Sarg seine eigenen Gedichte zu kreischen, noch dazu wenn man seit jeher klaustrophob veranlagt ist. Doch andererseits, was heißt schon befremdlich, wenn man sich so oft nach der Fremde sehnt?

Arbeit. Manchmal kommt man in der purpuren Bibliothek zu sitzen. In diesem Fall kann man sich durchaus glücklich schätzen. Schreibend, neben großen Fenstern sitzend, fühlen wie die Taschenlampe einen innerlich ausleuchtet. Später liegt man im Bett, hört Türen ins Schloss fallen, es klingelt an der Haustüre, jemand öffnet, ich atme durch, lege mich aufs Bett und kann von dort aus den Himmel sehen. Bevor ich einschlafe, sage ich der Welt gute Nacht, bevor ich mein Bett verlasse, sage ich der Welt guten Morgen. Die Welt antwortet nie, belohnt meinen guten Willen jedoch gelegentlich mit sternklaren Nächten. Man sieht oft nicht viel, ich sehe genug.

Hastig angezogen, den Mantel übergeworfen – zwischen Tür und Angel beginnt man sich zu fragen woran man eigentlich glaubt. Gibt einerseits allerlei obskuren Persönlichkeiten recht, erinnert sich wage an ein paar Sätze die man bei LaVey gelesen hat – findet aber andererseits die besten Antworten in Erinnerungen an gute Freunde und glücklich gewählten Ausdrücken anderweitig bekannter Menschen. Wäre es schön einer übergeordneten Gruppe, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören? Das Aufgefangenwerden durch ein Netzwerk von Versprechungen, Mutmaßungen und Vereinfachungen vs. das (nie endene) Streben nach einer (vorgeblichen) Unangreifbarkeit, Souveränität, Individualität und dem Ziel einer sinnentleerten Welt einen ebensolchen Sinn einzuhämmern? Erinnere dich an die stärkenden Worte. Versuche im Geiste zu wachsen. Versuche dadurch all das zu besiegen was dich gerade schwanken lässt. Ein zielloser Spaziergang in Richtung Süden. Müllcontainer hinter Stacheldrähten, ein alter moosbewachsener Friedhof, ein wahrscheinlich gemütliches Pub. Man denkt an die Straße auf der ein Mann und ein Junge ihres Weges ziehen, über ihnen ein trüber Himmel von dem es Asche regnet. An der nächsten Ecke bemerkt man, dass es inzwischen Frühling geworden ist und lächelt darüber.

Getriebenheit. Deshalb eine andere Richtung einschlagen. Richtung Park, Richtung Straßenecke, in Richtung der höchstgelegenen Kammer. Ein paar überdurchschnittliche Comedysendungen mit Freunden –  im Hintergrund laufen Trockner und der Wasserkocher. Du kochst auch. Als die Sendungen vorüber sind, bist du darüber nicht betrübt und verlässt in angemessener Geschwindigkeit den Raum, steigst hinauf, erledigst die üblichen Formalitäten.

Schlussendlich setzt dich dich, atmest tief durch, lehnst dich zurück und drehst langsam die Kaleidoskope in deinen Augen.

23.01.2012

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