Zeitgenössisches Elend (2012)

Ein Mensch schlägt an einer Straßenecke die Morgenzeitung auf und liest:
Gott (43) dankt ab: „…habe keinen Bock mehr auf diese Scheiße“ – Menschheit ratlos!
„Na gut“, sagt er sich und faltet die Zeitung der Länge nach
– D.P.

Nachdem nun durch den Fund eines neuen, weitaus besser bestückten Maja-Kalenders der erwartete Weltuntergang für den 21. Dezember hinfällig geworden ist und bis auf Weiteres vertagt werden muss, bleibt einem wohl nichts anderes übrig als sich mürrisch und wiederwillig doch noch Pläne für sein weiteres und nichtsnutziges Leben zurechtzulegen. Klar stellt sich dabei nicht zuletzt die Frage: Wenn man sich heutzutage nicht einmal mehr auf den Weltuntergang verlassen kann, wieso sich dann die Mühe machen und überhaupt noch irgendjemandem glauben?

Man muss dazu wissen: In der Tat nenne ich auch Freunde mein Eigen die stark auf eine baldige Apokalypse gehofft hätten. Wahlweise mit Zombies, Untoten, sowie frischgeladenen Schrotflinten oder einfach nur auf ein gediegenes Ende unter einem feierlichen Asteroidenschauer in blassem Orange. Quasi um in der Welt wieder einmal den großen blinkenden Reset-Knopf zu drücken, es den Dinosauriern gleich tun und die Manege für eine weitere Runde heiteres Evolutions-Bingo freizumachen. Es mag ein Zeichen von chronisch-fortgeschrittener Dekadenz sein, wenn man anstatt zu versuchen die Welt wie sie ist zu einer solchen besseren zu machen, damit beginnt, den Weltuntergang romantisch zu verklären und sich genügsam an der Vorstellung eines brennenden Firmamentes zu wärmen. Ein Berg aus Schwefel, ein Meer von Asche, auf allen Sendern Das Geschäft mit der Liebe – quasi eine Neuauflage der Versuchung des gebenedeiten Antonius. Gut möglich, dass das alles nur ein sentimentaler Deckmantel ist, um das klassisch-menschliche Bedürfnis nach „Auf zu neuen Ufern“ auszuleben; und anstatt dass man etwas auf die Reihe bekommt, wälzt man dann einfach alles faul auf die Naturgewalten ab. So quasi Apokalypse to go. Hätten Sie da noch eine da? Ähm natürlich, gern! Hätten Sie vielleicht noch gerne eine Portion Massenpanik zu Ihrer Endzeit dazu? Wieso nicht? Nein zu sagen kostet dann letztendlich doch zu viel Anstrengung.

Worum geht es hier also? Wahrscheinlich um Folgendes: Man könnte alternativ dazu einfach selbst etwas tun, um sein Leben etwas aufzupeppen. Den Arsch hochbekommen. Ohne Massensterben. Man könnte zum Beispiel Abenteurer werden. Berge besteigen, reißende Ströme befahren, historische Schlachten schlagen. Zugegeben, der Level wäre hier schon ziemlich hoch angesetzt. Vielleicht also alternativ dazu einfach zum Bahnhofskartenautomaten gehen und blind eine Karte lösen. Sich in den nächstbesten Zug setzen und sehen was das Leben für einen bereithält. Doch ich bin nun mal kein Abenteurer. Bin in keine Generation von Abenteurern hineingeboren worden, wie ich zu meiner Verteidigung hinzufügen muss. NIEMAND VON UNS ZIEHT ÜBER „LOS“ – KEINER ZIEHT 4000 MARK EIN! Ich habe ja schon Schwierigkeiten damit einen nicht-virtuellen Flipper zu bedienen und mein Nachbar hat sich Anfang der Woche eine Freundin auf Facebook gemietet. Für fünf Euro im Monat postet sie ihm jetzt Liebesgrüße und Küsse auf die Pinnwand. Wärme durchs Modem, der neue Höllenkreis der Leidenschaften. Ein relativ fairer Deal, wie wir beide finden.

Unser Alltag hat eben nichts Heroisches, nichts von diesem alten „auf diesem Hügel nun will ich meine Stadt gründen“-Flair mehr. Das letzte Heroische das ich miterlebt habe, war, dass mir der schmierige Typ aus der Kaiserstube um viertel nach vier nachts noch etwas zum Essen geliefert hat. Letscherte Pommes zwar, aber vom Prinzip her heldenhaft. Und genauso verhält es sich mit unseren zeitgenössischen Endzeitvisionen. Die Apokalypse des kleinen Mannes wird nicht mehr durch vier Säbel-schwingende Reiter auf rasenden Rössern symbolisiert, sondern durch eine nie endende M-Preis-Kassenszene, in der zwar nur eine einzige ältere Dame vor einem in der Schlange steht, die jedoch die Verkäuferin bittet sich das passende Kleingeld doch gerne selbst aus ihrer Geldbörse zusammenzusuchen. Jene muss aber zuerst noch KURZ BEI DER KOLLEGIN den passenden ZAHLENCODE für den losen Kopf Thaurer Krautsalat (heute frisch reingekommen) IN ERFAHRUNG BRINGEN. Man stelle sich nun also vor der passende Kleingeldbetrag würde niemals gefunden und die Schlange niemals kürzer werden – die Szene demnach niemals enden und den Bus, der aufgrund der Samstäglichen Intervallabweichung heute nur jede halbe Stunde fährt, sähe man ständig schon aus den Augenwinkeln um die Ecke biegen. Um sich selbst Mut zu machen und sich für sein übermenschliches Durchhaltevermögen zu belohnen, würde man sich naturgemäß kurz umdrehen, um einen Blick ins nahegelegene Süßwarenregal zu werfen. Die Bewegung anschließend wieder in die entgegengesetzte Richtung vollführend, würde man jedoch fassungslos bemerken, dass sich inzwischen eine weitere ältere Dame, offenbar von wegelagernder Natur, von der Seite zuschlagend, vor einem eingereiht hätte und bereits damit begänne ihre Einkäufe auf das Fließband zu schichten („Ich habe LEIDER nur 100 Euro Scheine, aber nehmen Sie sich das Kleingeld GERNE ruhig passend aus meinem Münzfach!“). Es sind Momente wie diese, in denen ich so gerne ansonsten handzahme und sanftmütige Menschen wie meinen guten Freund M., der sich in ebensolchen M-Preis-Schlagen wiederfindend, völlige Ruhe bewahrt und sich-vorschwindelnden Leuten, auch wenn sie bereits jenseits der 70 sind, ein gelassenes: „Alte fliag o, sonscht hau i da oane!“ entgegenhaucht, an meiner Seite sähe, um das zu tun, wozu ich auch trotz intensiver Bemühungen leider nicht die Ehrlichkeit besäße.

Bei Endzeit-Szenarios dreht es sich also inzwischen längst nicht mehr um irgendwelche trivialen Atomkriege, oder jüngste Gerichte zu Füßen imaginierter Heilsbringer, sondern um diese sogenannten Erste-Welt-Probleme. Diejenigen, welcher wegen man sich eigentlich schämen müsste bzw. dies in der Öffentlichkeit auch tut und sie deshalb außer in manchen spätnächtlichen alkohol-katalysierten „offenen Momenten“, vermeidet anzuschneiden – die einen jedoch insgeheim und in den wenig schwachen, nüchternen Moment umso gemeiner und direkter treffen. Momente wie: Ich habe großen Durst, der Sirup ist mir aber gestern ausgegangen und ich bin nun dazu verdammt dieses elendig fade Glas kristallklares Wasser zu trinken. Oder: Ich verbringe einige Tage bei Freunden und würde gerne mit meinem Laptop online gehen: Sie wissen ihr Wireless-LAN Passwort nicht. Schlimmer: Mein Bier ist durch das Lesen dieses Textes inzwischen relativ warm geworden. Der Kühlschank ist aber von meinem Sitzplatz aus nicht zu erreichen. Am Schlimmsten: Ich möchte kostenlos online aktuelle Kinofilme raubkopierter Natur streamen: Sie haben heute 72 Minuten lang Videos angesehen. Bitte warten Sie 52 Minuten oder klicken Sie HIER, um Megavideo uneingeschränkt nutzen zu können. Was soll man dazu sagen? Wie sollte ich, Geworfener in diese grausamste aller Welten, dann auch noch die Kraft aufbringen können herum-zu-abenteurern? Da kann man ja gleich damit anfangen bei Mario Kart mit Bananenschalen zu werfen. Das kann zwar Spaß machen, aber es ist unrealistisch, dass man damit lange überlebt.

Wie man sieht, wäre ich ja also prinzipiell guten Willens und voller Tatendrang mehr aus meinem Lotterleben zu machen und nur aufgrund der Umstände bin ich dieser lasterhafte Lugentschippel der ich nun einmal dazu verdammt bin zu bleiben. Somit bleibt für mich die Apokalypse die einzig logische Konsequenz, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Nun gut, damit wäre nun zum Glück alles gesagt, denn jetzt noch einmal weiterzuscrollen wäre für alle Beteiligten dann wirklich doch zu viel.

11.10.2012
für KOMPlex

Advertisements